Blog

Kinderaugen

3. Februar 2016

Die Welt durch Kinderaugen sehen

Was nützt uns all unser Wissen, wenn wir es nicht richtig nutzen? Was nützen all unsere Möglichkeiten, wenn wir sie nicht ergreifen? Was nützt uns die Liebe, wenn wir sie nicht teilen? Was nützt uns Mitgefühl, wenn wir es nicht zeigen? Wir sind nun erwachsen und auf unserem Weg dorthin, haben wir viel mehr verlernt als gelernt.

Theorethisch könnten wir gerade überall sein! Doch stattdessen wachen wir morgens auf und leben unseren Alltag. Immer aufs Neue und bis auf wenige Abweichungen, wie zum Beispiel ein Urlaub oder dergleichen, ist es doch immer der gleiche Ablauf. Früher als wir noch Kinder waren, haben uns die Erwachsenen gesagt: wenn ihr groß seid, dürft ihr machen was ihr wollt. Tja und wenn man dann groß ist, merkt man das es eine Lüge war, denn nie wieder wird man so frei sein wie im Kindesalter.

kleine Aktivisten

Mein kleiner fünfjähriger Sohn fragte mich letztens, warum wir nicht einfach ein Haus mitten im Wald bauen und einen Garten anlegen, in dem Gemüse und Obst wächst. Seiner Idee nach, sollten wir dann noch ein paar Tiere aufnehmen die keiner haben will und eigentlich sollten wir am besten alle Tiere retten, die eigentlich geschlachtet werden sollen. Wer kann uns das denn verbieten Mama? Der Wald gehört doch niemanden. Mein neunjähriger mischt sich ein und ergänzt den Gedanken noch. Eigentlich müsste jeder Mensch nur ein kleines Häuschen und einen kleinen Garten zur Verfügung haben, dann hat jeder ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit sich selbst mit Lebensmittel zu versorgen und wenn man eine Sache nicht hat, kann man ja auch mal mit Nachbarn tauschen.

Und dann sitzt man da und denkt sich, wie einfach und schön das Leben, betrachtet durch Kinderaugen, doch sein kann. Erwartungsvoll schauen sie mich an und sie hoffen auf ein: so machen wir das! Also fange ich an ihnen zu erklären, warum das alles garnicht so einfach ist und wahrscheinlich raube ich ihnen damit ihre wunderbaren kindlichen Illusionen. Wisst ihr, im Grunde habt ihr absolut Recht, aber leider können wir Menschen nicht ganz so frei entscheiden wie wir wollen. Unser Essen, die Wälder und die Seen gehören oft sehr großen Firmen und die wären sehr schnell sehr böse, wenn wir einfach unser Haus auf ihr Grundstück bauen.Vielleicht würden sie uns einsperren, weil wir uns nicht an Ihre Regeln und Gesetze halten.“ “ Tja Mama und das ist das Problem“ sagt mein neunjähriger mit trotzigen Unterton. „Wir lassen es uns gefallen und deshalb können die das machen.“ Oh Gott“ denke ich mir, mein Großer ist so schlau und er erfüllt mich mit Stolz. Mir fehlen die Worte und somit redet er weiter… „Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir gar keine eigene Meinung haben sollen. Wenn ich in der Schule mal etwas sage, was den Lehrern nicht passt, dann werde ich vor die Tür geschickt oder mit einer roten Karte bestraft. Erst letztens habe ich meiner Lehrerin gesagt, dass die Katholiken nur an sich denken (Mein Sohn ist auf einer katholischen Schule) und zwar, weil sie so viel Geld haben, dass sie teilen könnten, aber sie machen es nicht. Ich habe Bilder von diesem riesen Teil da in Rom gesehen, alles ist aus Gold. Was meinst du was das wert ist? Aber die geben nichts ab und dann redet meine Lehrerin von Nächstenliebe und ich darf mich noch nicht einmal darüber aufregen.“ Oha, mein Sohnemann ist richtig wütend und ich entscheide mich dazu, ihm ehrlich zu erklären, warum die Lehrerin so reagiert. „Wir wurden immer dazu erzogen, so gut es geht, in diesem System zu funktionieren. Wenn wir Menschen das nicht tun, gerät alles ins wanken und irgendwann würde es zusammenstürzen. Das Problem ist, dass uns Menschen aber schon ganz früh eingeprägt wird, dass wir diese Welt genauso brauchen, wie sie jetzt ist und deshalb haben viele Angst davor, dass etwas verändert wird. Und Menschen, die erkennen, dass etwas falsch läuft und die das dann auch noch aussprechen und etwas gegen diese Falschheitunternehmen, sind eine Bedrohung, denn diese Menschen könnten alles verändern.Wir sind quasi der Motor für die ganz ganz Reichen, für Firmen wie Nestle und Co und wenn wir, also der Motor nicht mehr funktioniert, dann sind diese Firmen kaputt.“ „Stop mal Mama! Das wäre doch perfekt, dann können die nicht mehr entscheiden, wo jemand wohnt und was uns gehört und was nicht.“ Ich liebe meinen Sohn und seine Denkweise… was ist er nur für ein toller Junge… „Mama, die Reichen bauen doch Fabriken oder? Die Reichen machen den Wald kaputt und eigentlich alles und wenn wir Menschen, da nicht mehr mitmachen, dann ist doch das Problem beseitigt. Also warum sind die Menschen so dumm und arbeiten für solche Firmen? Wir wollen doch alle hier leben und es schön haben! Wir haben doch letztens diese Doku gesehen über die Umweltverschmutzung…daran sind auch die Reichen Schuld, ne? Aber wir ja irgendwie auch, weil wir denen helfen, so reich zu sein. Das muss endlich aufhören Mama! Der Mann in der Doku hat auch klipp und klar gesagt das das aufhören muss, weil wir sonst nämlich bald keine Erde mehr haben. Wo sollen wir dann hin? Und das muss die Reichen eigentlich auch interessieren, schließlich wollen die doch auch irgendwo leben müssen. Also warum zerstören diese Idioten hier alles was wichtig für uns ist? Die müssten doch wissen, dass die sich  von ihrem Geld keine neue Erde kaufen können! Und überhaupt Mama, jedes Lebewesen muss gleich behandelt werden und es sollte keine ganz Reichen geben und auch keinen Armen, weil das zu Neid führt und Neid führt zu Krieg. Überleg doch mal, wenn jeder gleich viel hat, ist alles ok! Wir brauchen auch garnicht soooo viel um glücklich zu sein, das habe ich mal bei Logo gesehen. Kinder in Afrika, die ganz wenig haben sind trotzdem glücklich und zufrieden. Die Kinder dort sind nämlich frei! Wir sind hier nur verwöhnt! Ich bin verwöhnt!“

Ich lehne mich sprachlos zurück. Und als ich gerade antworten möchte, plappert er auch schon weiter… “ Ich habe mir überlegt, ich brauch die Schule nicht. Alles was wir Menschen brauchen und können müssen, lerne ich da nicht.“

„Okay, was meinst du“ frage ich etwas irritiert.

„Naja, ich lerne dort, dass ich am besten nicht nachdenke und bloß nichts hinterfrage. Was nützt mir der ganze Mist, wenn es doch nur noch um eine einzige Sache geht?“

„Welche denn?“

„Boah Mama, wir müssen die Erde retten!“ Wenn die nämlich nicht mehr da ist, nützt mir auch ein Abitur nichts.Und um das zu schaffen brauche ich ein Herz und ein Gehirn. Beides habe ich Gott sei Dank schon. Also lassen wir das mit der Schule, ok?“

Mir laufen Tränen über die Wangen und ich drücke meinen Sohn an mich. Ich kann nichts sagen außer: „Du hast so Recht, du hast so Recht!“

wenn Kinder sich Gedanken machen

 

You Might Also Like

8 Comments

  • Reply Steffi 4. Februar 2016 at 12:30

    So goldig, süß und schlau!!! Hammer.
    LG Steffi / redseconals.com

  • Reply Dani 4. Februar 2016 at 10:37

    Was für ein tolles Kind du da hast. Er hat ja so recht. Kinder sind einfach so wundervoll und was machen wir mit ihnen? Stecken sie zu vielen in eine Klasse oder Kindergartengruppe, alles muss funktionieren, bloß keine Indivitualität, keine eigene Meinung. Ich verzweifel grad an diesem System. Und weiß als Pädagogin nur zu gut, wie es alles läuft, denn auch hier geht es immer nur um Geld, von dem natürlich das Personal nicht viel abbekommt. Wir sollten den Kindern einfach viel mehr zuhören. Danke für diesen tollen Bericht.
    Liebe Grüße, Dani
    Ich mag deinen Blog sehr, sehr gern.

  • Reply Jenni 4. Februar 2016 at 9:46

    Was für ein wunderschöner Text!
    Und ich kann mich nur anschließen: Du hast wirklich einen sehr klugen und in seinem Alter schon sehr reflektiert denkenden Sohn! Schön, dass es auch Kinder gibt, die sich mit anderen Dingen als der neusten Playstation oder der coolsten Freizeitgestaltung beschäftigen. Doch dazu gehört auch immer ein verantwortungsbewusstes, ebenso kluges und reflektiertes Elternteil… 🙂

    P.S.: Ich denke wirklich, dass er mit „Es ist dein Planet“ seine helle Freude haben wird. Das Buch passt wirklich perfekt zu ihm. 🙂

    Liebe Grüße
    Jenni

    • Reply beccs@ruhrstyle 4. Februar 2016 at 13:59

      Huhu Jenni,

      vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Ja, ich bin sehr sehr stolz auf meine kleinen Racker und ich hoffe, dass ich ihnen genug mitgeben kann, damit sie ihre Einstellung beibehalten. Das Buch habe ich übrigens in einem kleinen Buchladen bestellt und ich kann es am Wochenende abholen. Ich freue mich auch schon darauf. 🙂

      liebe Grüße
      Rebecca

  • Reply Carmen 3. Februar 2016 at 15:01

    Es ist mir ein Anliegen, auch hier nochmals zu sagen, wie toll ich das find. Einerseits, dass er in dem Alter eigentlich schon mehr durchschaut hat als viele Erwachsene, andererseits, dass du uns daran teilhaben lässt. Nun drücke ich dir nur noch herzlich die Daumen, dass du ihm erfolgreich verklickern kannst, dass er wohl dennoch gut daran tut, sich Rechnen und Schreiben und Geografie und das ganze Zeugs beibringen zu lassen ;-))
    Alles Liebe,
    Carmen
    http://www.goodblog.at

    • Reply beccs@ruhrstyle 4. Februar 2016 at 13:56

      Ja, ich hatte Glück, dass mein Kleiner mir erlaubt hat darüber zu schreiben. 🙂 Ehrlich gesagt hoffe ich noch darauf, dass Homeschooling legalisiert wird. Es ist bestimmt nicht für jedes Kind geeignet, aber für meinen Racker wäre es genau das Richtige. Bis dahin geht er aber weiter brav in die Schule. 🙂

      liebe Grüße
      Rebecca

  • Reply Nadine - breukesselchen 3. Februar 2016 at 13:57

    Oh, Rebecca! Du hast wirklich einen sehr schlauen Sohn! Tja, ich glaube sehr fest daran, dass wir Erwachsenen einen Teil unserer Kindlichkeit bewahren sollten. Einfach mal ohne Zwänge denken, einfach mal Gedanken weiterspinnen, auch wenn sie „irre“ im Kopf klingen. Wir strampeln in unseren eigenen Hamsterrädern und vergessen, mal auszusteigen, mal einfach anders herum zu laufen oder einfach was Neues auszuprobieren. Weg von alten Denkmustern oder Regeln. Wenigstens in unseren Gedanken sollten wir es ausleben. Wer Kinder hat wie du, kann sowas auch einfach mal in der Praxis machen. Kinder sprechen lassen, so wie du es getan hast. Ich weiss, dass nicht alle Eltern das tun…Leider! Vielen lieben Dank dafür, dass du es geteilt hast. Ich find’s schön, wenn man solchen Gedanken lauschen kann. 😉 Auch wenn bei uns Erwachsenen dann wirklich keine Antwort einfällt. 😀 Liebe Grüße, Nadine

    • Reply beccs@ruhrstyle 4. Februar 2016 at 13:53

      Oh Nadine, der erste Teil deines Kommentars, wäre ja ein super Fazit für meinen Beitrag gewesen, was für wundervolle und wahre Worte. Du hast recht, es ist leider oft so, dass Eltern die Gedanken ihrer Kinder nicht ernst nehmen und die Kinder auch nicht frei sprechen lassen. Ich denke, dass das ein großer Fehler ist und somit unterstütze ich meine Kleinen darin ihre Meinung zu äußern und auszusprechen. Das führt besonders an der Schule immer wieder zu großen Problemen und ich bin schon Stammgast dort. Naja, ich nehme es gerne in Kauf, wenn meine Kinder dafür Erwachsene mit Herz und Verstand werden.

      viele Grüße
      Rebecca

    Leave a Reply

    Top