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Aktivisten im Bus

23. Januar 2016

der Aktivist in dir

Also, ich bin nun seit längerer Zeit mal wieder Bus gefahren und das ist für mich wahrlich nicht so unspektakulär, wie es sich für euch anhört. Es ist nämlich so, dass ich Busfahrten im großen und ganzen furchtbar abstoßend finde. Mitunter liegt es an den vielen grimmigen Gesichtern, dem Hinundhergeschaukeltwerden, falls man keinen der hart umkämpften Sitzplätze ergattert und meinem persönlichen Pech, dass wenn ich eine Sitzgelegenheit für mich beanspruchen kann, es immer nur die, direkt über den Reifen sind und sitze ich dort länger als fünf Minuten, wird mir schlecht. Tja, nun ist es aber ja so, dass wir unser Auto abgeschafft haben, da wir im Alltag gerne darauf verzichten möchten. Zwar ist uns unser Wohnmobil geblieben, aber mit diesem riesen Oschi mal eben in die Stadt fahren ist wohl mehr als lächerlich. Mein Fahrrad ist kaputt und somit bleibt nur noch Bus und Bahn.

Nun stehe ich also an der Bushaltestelle neben dieser Masse Mensch, von denen die meisten offensichtlich das Bedürfnis haben – aus was für einem Grund auch immer – unter dem Unterstand stehen zu müssen, obwohl es weder regnet noch schneit und wir alle warten auf den Bus. Rechts von mir steht noch ein kleines Grüppchen junger Männer, die ihr Handy als Ghettoblaster nutzen und dazu merkwürdige Bewegungen machen. Ich kann nicht anders, obwohl ich mir wie Osho es empfiehlt, vorgenommen habe nicht zu urteilen, höre ich die Stimme in meinem Kopf flüstern: Möchtegern Coolios. Schnell gucke ich woanders hin und dennoch und völlig genervt von dieser Musik die in miserabler Soundqualität zu mir rüber tönt, bildet sich der nächste gemeine Gedanke: Mein Gott, ihr werdet eh nie so cool sein wie die Jungs in Pulp Fiction. Ich muss sogar grinsen, weil ich den Vergleich so gut finde. Doch im nächsten Moment weise ich mich zurecht und appelliere an meine Gedanken, sie mögen doch ein wenig freundlicher mit meinen Mitmenschen sein. Vielleicht sind diese jungen Männer ja echt nette Typen und im nächsten Moment spuckt einer von ihnen auf ekelerregende Art und Weise auf den Boden. Meine Gedanken sprudeln über: So ein widerlicher Kerl. Am liebsten würde ich ihn sein Sekret aufwischen lassen und ihm gehörig den Marsch blasen. Zum Glück kommt der Bus und tatsächlich finde ich einen Sitzplatz auf welchem die Gefahr der Übelkeit nicht besteht. Leider, leider sitzen zwei der Coolio-Truppe gegenüber von mir und die Anderen auf den Viererplätzen neben mir. Das Handy dröhnt und ich warte auf eine Durchsage des Busfahrers, dass das Gerät auszustellen ist. Ich warte wohl vergeblich. Irgend ein Rapperverschnitt spuckt Sätze wie, „Ich ficke deine Mutter“ und „die meisten sind doch Schlampen“ durch die Lautsprecher des Handys und mir platzt der Kragen. Ich werde ganz cool und quatsche den Typen der mir gegenüber sitzt mit bewusst heraushängender Überheblichkeit an: „Das ist ja wirklich ein interessanter Song und ich frage mich gerade, ob deine Mutter auch eine Schlampe ist, die gerne Geschlechtsverkehr mit miserablen Rappern hat.“ Ha, das hat wohl gesessen. Der Typ guckt mich leicht aggressiv aber fragend an und ich fühle mich durch meine Überheblichkeit genötigt, ihm zu erklären was Geschlechtsverkehr ist: “ Mit Geschlechtsverkehr meine ich ficken. Vielleicht sagt dir das ja eher etwas?“ Keine Antwort von meinem, von mir ausgesuchten Gesprächspartner. Dafür mischt sich einer der Coolio-Typen von den Sitzplätzen neben mir ein: „Ey, hast du das gehört? Die hat deine Mutter beleidigt.“ Natürlich wusste ich bereits, dass so etwas passiert und ich hätte auch eine Antwort parat gehabt, aber da mischt sich ein Herr aus der Reihe hinter mir ein: „Eine Frage junger Mann, ist noch lange keine Beleidigung.“ Ein Wortgemenge folgt und ich schaffe es nicht mehr mich einzubringen. Ich finde gar keine Beachtung mehr und zum Glück muss ich bald aussteigen, wenigstens ist das Handy aus. Einige der verbalen Attacken fange ich zwar unbewusst auf, aber diese betreffen mich nicht und so beobachte ich lieber den von mir ausgesuchten Gesprächspartner, der sich kaum an dem Gemenge beteiligt. Als meine Zielhaltestelle naht, schaffe ich es sogar unbeachtet zur Tür und ich bin im Nachhinein froh, dass mein großes Mundwerk mich nicht mehr gekostet hat als einen dröhnenden Kopf. Dennoch beschäftigt mich diese Situation noch ein Weilchen, denn ich frage mich, warum mir das Verhalten dieser Typen nicht einfach egal war. Schließlich würde es so manch einer als Lappalie bezeichnen, die keinen Kommentar wert ist und außerdem ist es bedeutend bequemer, wenn gewisse Dinge einfach an einem vorbeiziehen. Mir gelingt diese ist-mir-egal-Haltung nicht und wahrscheinlich liegt es daran, dass ich auch nicht möchte, dass es mir gelingt. Im Gegenteil, ich sage gerne meine Meinung und ja, ich gebe auch ungefragt meinen Senf ab, wenn mir etwas gegen den Strich geht; wohl wissend, dass man durch solches Verhalten gern mal an den Pranger gestellt wird und durchaus auch Gefahren ausgesetzt ist. Doch denke ich, dass wir viel zu oft unsere Meinung für uns behalten, dass wir viel zu oft, Dinge einfach hinnehmen, dass wir viel zu selten darüber nachdenken, was wir bewirken könnten, wenn wir einfach mal Handeln. Handeln und etwas bewegen, fängt bei Kleinigkeiten an und kann erweitert werden, wenn durch jeden kleinen Schritt unser Selbstbewusstsein steigt und wir den Mut erlangen, mehr zu tun. Meine kleine Busgeschichte war vielleicht eine Lappalie, aber vielleicht habe ich ja auch bewirkt, dass zumindest der eine Typ darüber nachdenkt, dass Frauenfeindlichkeit auf unserem Planeten, nichts zu suchen hat. Und auch wenn nicht, habe ich es zumindest versucht und immerhin geschafft, dass die Musik ausgeschaltet wurde. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, positive Veränderungen herbeizuführen. Bei sich selbst, bis hin zu einer positiven Veränderung für unsere Welt. Wir alle können Aktivisten sein, im großen aber auch im kleinen Rahmen und das einzige, was wir dafür brauchen ist Mut, eine Meinung und ein Herz.

Mut zur Meinung

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4 Comments

  • Reply Steffi 25. Januar 2016 at 9:27

    Du machst den Mund auf und zeigst Flagge. Gut so! Aber ich bin froh dass der dir keine gescheuert hat, ich würde bei all den Psychos da draußen mit ALLEM rechnen!

    LG Steffi / redseconals.com

    • Reply beccs@ruhrstyle 25. Januar 2016 at 20:46

      Liebe Steffi,

      ich bin wohl in der Tat ganz gut davon gekommen. Ich hoffe nur, dass es zumindest bei dem einen Typen etwas gebracht hat.

      liebe Grüße
      Rebecca

  • Reply liebe was ist 23. Januar 2016 at 19:06

    liebe Rebecca,
    ich bin auch kein Fan vom Bus fahren, aber leider bleibt mir für den alltäglichen Weg zur Uni nicht viel anderes übrig :/
    deine Bus-Geschichte finde ich doch gewissermaßen sehr inspirierend und würde mir deutlich mehr solcher Mitfahrer wünschen 🙂

    <3 Tina
    https://liebewasist.wordpress.com/

    • Reply beccs@ruhrstyle 23. Januar 2016 at 19:32

      Liebe Tina,

      es freut mich, dass dir diese Erfahrung gefallen hat. 🙂 Manchmal ist es garnicht so leicht eine große Klappe am Hals zu haben und in gewissen Situationen eckt man auch sehr schnell an. Ich war ehrlich gesagt sehr überrascht, dass ich Unterstützung von dem genannten Mann erhalten habe, denn ich habe nicht damit gerechnet.

      liebe Grüße
      Rebecca

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